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Madhusree Duttas Rede zur Eröffnung des Programms


Hallo an alle, die heute Abend hier sind,

ich bin Madhusree Dutta, die neue künstlerische Leiterin der Akademie der Künste der Welt. Das hier ist ein Moment vieler neuer Anfänge – ein neues Programm, neue Partnerschaften, eine neuere Art von öffentlicher Kunst und auch ein neuer Weg, das alles gemeinsam zu denken. Und für mich persönlich eine ganz neue Art, zu leben und zu arbeiten. Dies ist ein Abend, auf Gegenseitigkeiten fußt. Ich bin hier, um euch / Ihnen alle zur Eröffnung des Frühlingsprogramms der Akademie willkommen zu heißen. Aber das ist auch der Anlass, zu dem ihr/Sie und die Stadt Köln mich willkommen heißen, in dieser Stadt zu leben und mit euch / Ihnen allen gemeinsam zu arbeiten. Ich möchte euch / Ihnen schon im Voraus sehr herzlich danken für diese kommende Zeit.
Ich komme aus der indischen Stadt Bombay bzw. Mumbai. Sie hat mehr als 21 Millionen Einwohner und ist eine von der Kolonialzeit geprägte Stadt, eine post-industrielle Stadt, eine Hafenstadt, eine Stadt der Migration und eine Stadt der Filmkultur, die weithin als Bollywood bekannt ist. In gewisser Weise ist die Produktion von Bildern ihr größter Wirtschaftszweig.
Zurzeit ist sie auch ein Ort rechtsextremer Politik.
Sie ist aber auch eine Mega-Metropole, die von Wissenschaftlern erforscht wird. Sie ist sowohl im populären Film als auch in den Medien ausgesprochen präsent, Kunst- und Literaturschaffende schwärmen von ihr, und sie ist Ziel und Zuflucht für Ausreißer und Ausreißerinnen, Aussteiger, Aufsteiger und Abenteurer. Diese Stadt ist unermesslich reich und zugleich unglaublich arm. Kurz gesagt ist die Stadt, aus der ich komme, in jeder Hinsicht extrem und nicht zu übersehen. Dabei ist die Stadt noch ziemlich jung – sie ist kaum 300 Jahre alt. Dennoch ist sie dicht bevölkert, ein Besuchermagnet und Gegenstand verschiedenster Darstellungen. Bisher war ich als Filmemacherin, Kuratorin und Aktivistin in einer typisch asiatischen Metropole tätig. Nun bin ich in Ihre Stadt gekommen, nach Köln, nach Nordrhein-Westfalen. Köln ist eine westeuropäische Stadt, die auf eine Jahrtausende alte Geschichte zurückblickt. Die heutige Stadt ist aus den Ruinen des Zweiten Weltkriegs wiederauferstanden, erblühte zum Handels- und Messestandort und verwandelte sich im wiedervereinten Deutschland zu einer Dienstleistungs- und Medienmetropole des post-industriellen Zeitalters. Die Stadt ist Fußball verrückt, sie ist eine Stadt des Karnevals, eine Stadt, die Touristen aber auch Flüchtlinge willkommen heißt, und eine Stadt, die sich durch die Gentrifizierung rasant verändert. Ich komme zu einer Zeit, da die Stimmen der Intoleranz und Identitätspolitik immer lauter werden. Während der Bergbau und die Montanindustrie ihrem Ende entgegen sehen und die multiethnische Arbeiterschaft ihre Arbeit verliert, wird die Region bereits zur nächsten kulturellen Drehscheibe Europas ausgerufen. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Stadt ein blühender Wirtschaftsstandort. Nun soll Köln als Zentrum der Bildungs-, Kultur- und Medienindustrie wiederbelebt werden.
Die leer stehenden Werkhallen, ehemalige Arbeiterviertel und Industrieruinen werden zu Orten ausgefallener Kunstspektakel und luxussanierender Stadtentwicklungsprojekte. Im Zuge dieser „Wiederbelebung“ bin ich von Mumbai nach Köln gekommen. Nun stehe ich vor Ihnen. Einiges verstehe ich, weil es zu den gemeinsamen Erfahrungen gehört, die alle unter den gegenwärtigen Existenzbedingungen machen. Und auch weil wir uns als koloniale Subjekte besonders intensiv mit der Geschichte Europas befassen. Es gibt aber sicherlich gewisse Themen, feine, in der hiesigen Kultur wichtige Nuancen, die mir entgehen. Ich bitte Sie alle, mich und die Akademie in der Zeit meiner Leitung zu unterstützen und uns zu mehr Klarheit und einem stärkeren kreativen Austausch zu verhelfen – mit der Stadt und mit allen ihren Einwohnern.

2018 beginnt für die Akademie eine neue Phase der Programmplanung. Unter meiner Leitung möchten wir den Austausch zwischen lokalen Erfahrungen und internationalen Diskursen und Praktiken erleichtern.
Mit dem Programm 2018-2020 möchten wir regelmäßige und dauerhafte Schnittstellen schaffen: zwischen den spezifischen und allgemeinen Eigenschaften des Lokalen und den Diskursen und Handlungsstrategien, die sich aus globalen Praktiken ableiten.
Unser umfassendes, vielschichtiges Konzept verwebt Produktion, Kollaboration, Kompilation, Pädagogik und Archivierung und entfaltet sich entlang vier thematischer Achsen:

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Dieses Projekt ist der Pädagogik und der Kunst im öffentlichen Raum gewidmet. Dazu gehört auch das partizipatorische, digitale Open-Acces-Projekt Cultures Cologne, das in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Einrichtungen, Kulturzentren, Dokumentationsinitiativen, Nachbarschaftsorganisationen, einzelnen Kunstschaffenden und Archivaren initiiert und festgehalten wird.

Sites at Stake

Ein Ort ist Basis, Rahmen und Inhalt zugleich. Ortsbezogenheit ist in der aktuellen kulturellen Praxis ein häufig verwendeter Begriff. Aber Orte sind auch aufgeladen mit kolonialer Anthropologie, kapitalistischen Unternehmungen, staatlicher Macht, einer Kultur der Amnesie, hierarchischer Flächennutzung und religiöser Zuordnung. Dieses Projekt befasst sich mit den unterschiedlichen, interessengeleiteten Einflüssen auf das Entstehen und Verschwinden eines Ortes.

Festival of Original-Fakes

Dieses interdisziplinäre Programm wird alljährlich die jenseits der Autorschaft wirkende Kreativität feiern. Dahinter steht die Idee, sich mit dem Akt des Kopierens in seinen verschiedenen Bereichen auseinanderzusetzen: in traditionellen und sozialen Praktiken, Upcycling - Recycling, Subversion - Inversion, industriell - handwerklich, Demokratisierung von Technologie, Aneignung - Wiederaneignung, u.v.m.

Hybrid Transactions

Das Hybride entsteht durch Momente der Transaktion – zwischen Spezies, Praktiken, Gegebenheiten und Materialien. Da das Hybride auf Transaktionen basiert, ist es immer neu, durchlässig, im Austausch begriffen und widerspricht dem Erbe. Dieses Projekt erkundet die Bedeutung des Hybriden angesichts des nie da gewesenen Austauschs von Menschen, Kulturen, Gütern und persönlichem Streben in unserer Zeit.

Mit diesem Projekt am Ebertplatz setzen wir in Zusammenarbeit mit Gold+Beton ein deutliches Zeichen dafür, neue Verbindungen und Solidarität zwischen öffentlichen Institutionen und der Freien Szene zu schaffen. Herzlichen Dank an Meryem (die ich die ungekrönte König der Kölner Subkultur nenne), dass sie dies ermöglicht hat. Das Projekt bietet zugleich die Gelegenheit, Themen der Stadtentwicklung und der künstlerischen Praxis von einer öffentlichen Plattform aus anzusprechen. Wie Sie alle wissen, ist der Ebertplatz ein Brennpunkt, er gehört zu den „Sites at Stake“. Dieses Projekt ist unser aller Anliegen und es wird in der heutigen Zeit immer dringlicher. Mit dieser Veranstaltung beteiligen wir uns erstmals aktiv an der Bewegung gegen die Gentrifizierung, zusammen mit anderen Kunstschaffenden, Nachbarschaftsorganisationen, unabhängigen Kunsträumen, Arbeitslosen, Aktivisten von „NSU-Komplex auflösen“ und den Menschen, die gemeinhin als Flüchtlinge oder Illegale bezeichnet werden. Ich hoffe, die Ebertplatz-Aktivisten werden den Institutionen ab morgen etwas gewogener sein, und die Akademie der Künste der Welt wird im Gegenzug etwas weniger schwerfällig und näher an der Lebenswirklichkeit agieren.

Ich möchte folgenden Personen meinen Dank aussprechen:
Ich danke Jürgen Stollhans dafür, dass wir seine Bilder in meinem Video nutzen dürfen. Ich bedanke mich natürlich auch bei meinem Team und allen, die das heutige Programm möglich gemacht haben. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch den Kunstschaffenden und den Kunstinstitutionen herzlich danken, die der Akademie anlässlich der Budgetkürzung und der anschließenden politischen Kampagne zu Seite gestanden haben. Diese Akademie gehört zu Köln.