Contemporary Artists against Fascism

  1. Sitzung, 23 5 2017

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In ihrem leidenschaftlichen Aufsatz „Faszinierender Faschismus“ von 1975 attackierte Susan Sonntag die Rehabilitation von Leni Riefenstahl, Regisseurin berühmter Dokumentarfilme der Nazi-Ära, der sie vorwarf, „faschistische Ästhetiken“ zu fördern.

Für sie bedeutete dies vor allem „[...] eine Beschäftigung mit Situationen der Kontrolle, unterwürfigem Verhalten und extravaganter Anstrengung; sie betonen zwei scheinbar entgegengesetzte Zustände, Egomanie und Knechtschaft. Die Verhältnisse von Herrschaft und Versklavung nehmen die Form eines charakteristischen Spektakels an: die Anhäufung von Menschen; das Verwandeln der Menschen in Dinge; die Vervielfältigung von Dingen und die Gruppierung von Menschen / Sachen um eine allmächtige, hypnotische Führerfigur oder Kraft. Die faschistische Dramaturgie konzentriert sich auf die orgiastischen Transaktionen zwischen mächtigen Kräften und ihren Marionetten. Ihre Choreographie wechselt zwischen unaufhörlicher Bewegung und erstarrten, statischen, ‚männlichen‘ Posen. Faschistische Kunst verherrlicht die Ergebung; sie erhöht die Gedankenlosigkeit: sie glorifiziert den Tod."

Seit einigen Jahren können wir Künstler beobachten, die mit diesen Merkmalen arbeiten und sie auf unterschiedliche Weise zersetzen. Eine Gruppe, die dies tut, ist die Band Laibach, die eine sogenannte „Über-Identifikation“ ausübt. Über-Identifikation bedeutet, „eine Reihe von Ideen, Bildern oder politischen Ideen zu übernehmen und sie nicht durch eine direkte, offene oder einfache Kritik zu attackieren, sondern durch eine rasend und obszön übertriebene Adoption davon“ (S. Shukaitis). Das dritte Treffen der Lesegruppe der Akademie widmet sich diesem Phänomen ebenso wie anderen Formen der Konfrontation mit dem Faschismus in der zeitgenössischen Kunst.

Das Treffen wird von Aneta Rostkowska, einer Kuratorin der Akademie, moderiert.

Literatur:

Stevphen Shukaitis: Overidentification and/or bust?. In: Variant 37 (2010), S. 26-29. http://www.variant.org.uk/37_38texts/10Overident.html

Susan Sontag: Fascinating Fascism. In: The New York Review of Books, 6. Februar 1975. http://www.nybooks.com/articles/1975/02/06/fascinating-fascism/

Inke Arns: Terror als Therapie: Laibach und die slowenische Punk-Bewegung. In: Birgit Richard/Heinz-Hermann Krüger (Hrsg.) inter_cool 3.0. Jugendliche Bild- und Medienwelten. Ein Kompendium zur aktuellen Jugendkulturforschung. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2010, S. 404-414. http://www.inkearns.de/wp-content/uploads/2011/01/2010_Arns_Laibach_inter_cool_30.pdf

BAVO (eds.): Cultural Activism Today. The Art of Over-Identification. Rotterdam: Episode Publishers 2007.

Marc James Leger: Brave New Avant Garde. Winchester/Washington: Zero Books 2012, Kapitel 6 (The Subject Supposed to Over-Identify: BAVO and the Fundamental Fantasy of a Cultural Avant Garde), S. 133-163

Slavoy Zizek: Slavoj Zizek, The Universal Exception. London/New York: Continuum 2006, Kapitel 4 (Why are Laibach and the Neue Slowenische Kunst not Fascists?), S. 63-66.